Emotionale Fitness als Skill von morgen

Emotionen kann man trainieren wie Muskeln

Klingt absurd, oder? Wir gehen ins Fitnessstudio, optimieren unsere Ernährung, tracken unseren Schlaf. Aber der Umgang mit unseren Emotionen? Der sollen irgendwie von selbst funktionieren. Bis er es nicht mehr tut.

Bei mir war es Angst. Dann Depression. Der schwere Mantel, der sich über alles legte. Ich probierte alles, um meine Emotionen besser zu verstehen: Beratung, verschiedene Therapieformen, studierte sogar Soziale Arbeit und wurde Resilienztrainerin, um das Ganze von anderen Seiten zu begreifen. Ich sammelte Theorien wie andere Menschen Briefmarken. Ich konnte erklären, warum ich fühlte, was ich fühlte – die neurobiologischen Prozesse, die therapeutischen Schulen, die Mechanismen. Aber wenn die Angst kam, half mir das ganze Wissen nur bedingt weiter.

Das Problem mit vielen Programmen war nicht, dass sie schlecht waren. Sie waren oft zu lang, zu theoretisch, zu wenig praktisch. Als Unternehmer kenne ich das: Wenn ich ein Tool brauche, brauche ich es jetzt. Nicht nach zwölf Wochen Theorie. Also begann ich, mir meine eigenen Tools zusammenzuklauben. Aus der Neurobiologie, der Körperpsychotherapie, der Achtsamkeitspraxis. Ich experimentierte. Was funktionierte wirklich, wenn die Panik hochkroch? Was half, wenn ich in einem wichtigen Meeting saß und spürte, wie sich mein Brustkorb zusammenzog?

Über die Jahre entstand das, was ich heute „Emotionsfitness“ nenne. Der Gedanke ist simpel: Wir trainieren unseren Körper im Fitnessstudio, warum nicht unsere Emotionen? Nicht als einmaliges Projekt, sondern als kontinuierliche Praxis. Kleine, konkrete Übungen, die funktionieren, wenn es darauf ankommt. Ein emotionales Muskelgedächtnis aufbauen – das war meine neue Mission. Diese Erkenntnis hat mich zu Kindori geführt. Ich wünschte, ich hätte damals Zugang zu dem gehabt, was ich heute weitergebe. Nicht noch ein Theoriekurs, sondern praktische Tools für den Moment, wenn es brennt.

Was ich gelernt habe, lässt sich in fünf konkreten Schritten zusammenfassen. Sie sind nicht kompliziert, aber sie müssen geübt und trainiert werden:

1. Emotion benennen: Der erste Schritt ist, das Gefühl zu identifizieren. Nicht „nicht gut“, sondern: Ist es Angst? Frustration? Scham? Die Präzision macht den Unterschied.

2. Emotion lokalisieren: Wo sitzt das Gefühl im Körper? Der Druck in der Brust? Die Enge im Hals? Der flache Atem? Unser Körper spricht zu uns, wir müssen nur hinhören.

3. Körperliche Regulation zuerst – der Bottum-Up-Ansatz: Solange mein Nervensystem im Alarmzustand ist, kann ich nicht klar denken. Also: atmen, bewegen, den Körper regulieren. Erst wenn der Körper ruhiger wird, ist das Gehirn wieder aufnahmefähig.

4. Gedanke zur Emotion identifizieren: Jetzt erst schaue ich auf die Gedanken. Welcher Gedanke hängt mit meiner Emotion zusammen? „Ich werde versagen“? „Niemand mag mich“? Oft sind es automatische Überzeugungen, die wir nie hinterfragt haben.

5. Neue Perspektive entwickeln: Nicht positives Denken, sondern ehrliche Neubewertung. Ist der Gedanke wahr? Ist er hilfreich? Was wäre eine realistischere Sichtweise?

Diese fünf Schritte sind meine tägliche Praxis geworden. Sie haben mir die Handlungsfähigkeit zurückgegeben, die ich verloren glaubte. In meiner Arbeit mit Kindori helfe ich Menschen dabei, diese 5 Skills anhand verschiedener Übungspraxen zu trainieren und ein eigenes emotionales Muskelgedächtnis aufzubauen.

In meinen Workshops höre ich oft ähnliche Geschichten: Menschen, die funktionieren, die liefern, aber innerlich kämpfen. Die denken, sie müssten das allein schaffen. Die sich schämen, professionelle Hilfe zu suchen, oder nicht wissen, wo sie anfangen sollen.

Emotionsfitness ist keine Therapie und kein Ersatz dafür. Es ist ein Trainingskonzept für den Alltag. Für die Momente, in denen wir handlungsfähig bleiben müssen, auch wenn es stürmt.

Ich habe Jahre gebraucht, um diese Tools zu finden. Mit Kindori möchte ich anderen diesen Weg verkürzen. Denn emotionale Fitness ist die vielleicht wichtigste Kompetenz, die wir entwickeln können. Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch, der dieses Ziel erreichen möchte, dies mit den richtigen Trainingstools schaffen kann.

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Katharina Schäfer