Orientation over Optimization

Vor etwa zwölf Jahren hatte ich einen gesundheitlichen Tiefpunkt in meinem Leben. Chronische Entzündungen, ständige Infekte, hormonelle Dysbalancen, Erschöpfung, entzündliche Haut. Mit Mitte 20, eigentlich in der Blüte meines Lebens, bekam ich eine Autoimmunerkrankung sowie eine lange Liste an Nahrungsmittelunverträglichkeiten diagnostiziert. Ich ging zu Ärzten, Therapeuten, Spezialisten. Jeder schaute auf einen Bereich, jedoch betrachtete mich keiner als Ganzes. Was mir damals gefehlt hat, war keine weitere Diagnose. Es war vor allem Orientierung.

Social Media war zu dieser Zeit noch kein Gesundheits-Kosmos. Rückblickend bin ich fast froh darüber. Denn was heute auf Instagram, TikTok & Co. oft als Gesundheit verkauft wird, folgt einer stillen Grundüberzeugung: Optimiere deinen Körper richtig, dann funktioniert er. Aber unser Körper ist keine Maschine. Er ist ein intelligentes System, geprägt von Genetik, Epigenetik, emotionalem Zustand, Ernährung, Bewegung, Routinen, Gewohnheiten, sozialem Umfeld, Schlaf, Stressoren sowie Umwelteinflüssen. Gesundheit entsteht im Zusammenspiel all dieser Ebenen, nicht durch die Optimierung einer einzelnen.

Was kann Gesundheits-Content in diesem Kontext überhaupt leisten? Er kann aufklären, inspirieren und Perspektiven eröffnen. Er kann zeigen, dass Gesundheit mehr ist als Kalorienzählen oder der perfekte Morgenablauf. Aber er kann keine individuelle Antwort liefern. Kein Creator kennt die Geschichte eines individuellen Konsumenten, seinen körperlichen Zustand, seinen Alltag. Guter Gesundheits-Content gibt einen Impuls. Was daraus gemacht wird, liegt bei jedem individuell.

Ich weiß das und trotzdem ertappe ich mich selbst dabei. Auch ich poste Listen. Auch ich teile Empfehlungen, Tipps, Erfahrungen aus der Beratung. Denn es ist verdammt schwer, über Social Media ausschließlich zu orientieren, ohne in Optimierungsversprechen zu rutschen. Zudem sind Listen einfach zu erfassen, Menschen lieben diese Empfehlungen und können sie leicht für sich abspeichern. Orientierender Content kann ebenso Anregungen und Empfehlungen geben. Er stellt aber auch Fragen statt nur Antworten zu liefern. Er zeigt den Prozess, nicht nur das Ergebnis. Er sagt „das hat bei mir funktioniert, vielleicht ist es ein Impuls für dich“ statt „so musst du es machen“. Er traut dem Konsumenten zu, selbst zu entscheiden. Und er hat den Mut, manchmal zu weniger zu führen: weniger konsumieren, weniger kaufen, weniger optimieren. Sondern mehr spüren, mehr fühlen und mehr offline sein. Denn ich würde zuallererst jedem meiner Follower raten, Social Media weniger und dafür bewusster zu konsumieren.

Und hier liegt die andere Seite der Medaille: Auch als Konsument trägst du Verantwortung. Derselbe Content kann für einen Menschen Orientierung sein und für den anderen purer Optimierungsdruck. Jemand sieht meinen Beitrag über meine Morgenroutine und denkt: interessant, ich probiere das mal aus. Ein anderer denkt: schon wieder etwas, das ich nicht tue. FOMO ist kein Creator-Problem. Es ist eine innere Haltung. Und die lässt sich ebenso trainieren.

Die einfachste Übung für die nächsten sieben Tage wäre, bewusst in den Content-Konsum zu gehen und zu hinterfragen: Inspiriert mich das oder stresst mich das? Die Antwort ehrlich wahrnehmen. Wer das übt, hört bald wieder mehr auf sich selbst als auf den Feed.

Orientierung statt Optimierung. Als Creator und als Konsument. Das ist kein Verzicht auf Wissen. Es ist eine Entscheidung dafür, wessen Stimme am Ende zählt. Nämlich die eigene.

Linda Renneisen ist Holistic Health Consultant, Speakerin, & Gründerin von foodvibes und dem Office Health Institute. Als Podcast-Host von „House of Good Vibes“ und über Instagram inspiriert sie Menschen zu mehr Leichtigkeit in Bezug auf gesunde Ernährung und Lebensstil – ganzheitlich, alltagstauglich und ohne Dogmen.

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Linda Renneisen
Health Ambassador | Founder of Office Health Institute & Foodvibes