
Der Fisch stinkt vom Kopf. Wir kaufen Raumspray.
Es ist 23 Uhr. Petra, 55, liegt wach. Auf ihrem Handy: ein Reel über Atemtechniken gegen Panikattacken. Beim Anschauen bekommt sie eine Panikattacke. Morgen früh steht sie auf, fährt zur Arbeit und führt eine Lungentransplantation durch. Irgendwie. Wie immer. Jeder von uns kennt jemanden, der funktioniert. Jeden Tag. Und niemand fragt, zu welchem Preis.
„22 % der Erwachsenen in Deutschland weisen eine behandlungsrelevante depressive Symptomatik auf. Das sind 15,4 Millionen Menschen. Tendenz steigend.“ (RKI)
Wir reden über Prozessoptimierung, elektronische Patientenakten, KI in der Diagnostik. Alles wichtig. Alles richtig. Und trotzdem: Wir schneiden am falschen Ende. Der Fisch stinkt vom Kopf, aber wir benutzen Raumspray. 2021 hatte ich Glück. Über die Kassenärztliche Vereinigung fand ich eine Therapeutin, die wie Arsch auf Eimer zu mir passte, mitten in einer Depression und Angststörung. Erst später verstand ich, was für ein Privileg das war. Denn die Realität für die meisten sieht anders aus: Es gibt nicht nur zu wenige Plätze. Es gibt auch Therapeuten, die mehr schaden als helfen. Erniedrigende Erlebnisse, fehlende Empathie, abweisende Systeme. Monate auf Wartelisten. Ein System, das psychisches Leid erkennt und dann wegschaut.
Die Schlussfolgerung vieler ist naheliegend: Online ist das neue Onine. Das zehn Sekunden Reel über Vagusnerv-Aktivierung muss herhalten, wenn die nächste Krise kommt und kein Termin in Sicht ist. Dabei ist mentale Gesundheit keine Befindlichkeit. Sie ist das Fundament. Chronischer Stress
verändert das Immunsystem, die Hormonlage, die Schmerzwahrnehmung. Migräne, Verdauungsprobleme, chronische Erschöpfung. Symptome, die abgestempelt werden statt verstanden. Trauma sitzt in Körpern, die funktionieren. In Arztpraxen, Hörsälen, Startups, Cockpits, Operationssälen.
Und das hat Konsequenzen, die weit über das Individuum hinausgehen. Mentale Instabilität kostet Deutschland jährlich über 44 Milliarden Euro durch Produktivitätsverlust. Sie untergräbt Arbeitsmoral, gesellschaftlichen Zusammenhalt, politische Stabilität. Geist, Körper, Gesellschaft. Kein Einzelsystem, sondern ein Netzwerk. Wer an der Wurzel ansetzt, erzeugt einen Ripple-Effekt. Wer nur Symptome behandelt, kauft Zeit, keine Gesundheit. Social Media hat etwas geschaut, was dem Gesundheitssystem jahrzehntelang nicht gelang:
Entstigmatisierung. Es sieht die Menschen, die im System untergehen. Es schafft Gemeinschaft. Das ist real und wertvoll.
Online finden sich Menschen, die raus wollen aus dieser Spirale. Sie suchen Heilung, suchen Antworten. Content Creator liefern das, schnell, zugänglich, oft mit großer Reichweite.
Doch nicht immer mit Grundlage. Von vagen Vagusnervübungen bis zu Tipps, die Wissenschaftlichkeit simulieren ohne sie zu besitzen: Absolut jeder kann sich Gehör verschaffen. Was funktioniert, ist nicht was wirksam ist, sondern was schnell konsumiert werden kann. Provokation schlägt Nuance. Der Algorithmus optimiert auf Aufmerksamkeit, nicht auf Gesundheit. Ein Reel von mir, in dem ich mich über einen Hausarzt beschwere, der mir Blutwerte verweigert, geht viral, nicht weil es hilfreich war, sondern weil es einen Nerv traf. Millionen Menschen teilen ihre eigenen Erfahrungen. Das zeigt die Reichweite. Und die Verantwortung. Ich selbst bin Content Creator. Ich nutze dasselbe Werkzeug, das ich hier kritisiere. Bewusst. Weil es nie einfacher war, Menschen zu erreichen und weil genau deshalb entscheidend ist, wer dort das Wort führt.
Beim LEG dieses Jahr wurden zwei junge Content Creator auf dem Panel von Teilen des Publikums belächelt. Ich saß dabei. Es war symptomatisch. Ältere Generationen mit klinischer Expertise und jüngere mit digitalem Zugang und gelebter Erfahrung reden aneinander vorbei, dabei ist genau diese Kombination das, was wir brauchen. Nicht Vanessa, 23, leidet allein an Depressionen. Auch Petra, 55, die täglich operiert. Andreas, 42, der jede Woche tausende Menschen transportiert. Hannah, 18, die Krankenschwester werden will. Mentale Gesundheit ist keine Randnotiz. Sie ist die Voraussetzung für alles andere. Die Frage ist nicht ob Social Media Teil unserer Gesundheitsversorgung ist. Das ist es bereits. Die Frage ist: Nutzen wir es, oder lassen wir es uns nutzen?
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