
Der Faktor Mensch in der Tesla Gigafactory
Ab Erkner ging es für mich morgens vor Pfingsten mit dem Giga-Zug durch die märkische Landschaft nach Grünheide. An den Kiefern Brandenburgs vorbei erhebt sich etwas, das weniger an ein klassisches Werk erinnert als an eine industrielle Stadt der Zukunft. Das fängt schon mit der eigenen Bahnhofsstation an, an der seitlich eine LED-Wand das Dach abschließt und eine Vorahnung auf das gibt, was einen hinter dem Werkstor erwartet. Die Tesla Gigafactory ist eine eigene Topografie geworden - die Fläche eineinhalb Mal so groß wie Monaco, ein Maschinenkontinent aus Stahl, Glas und Datenströmen. Elon ließ sich hier nieder, auch weil er Berliner Kultur gut findet. Das Grünheide nicht zu Berlin gehört, stört keinen. Es ist ein Trugschluss, dass man in Europa ein derart großes Grundstück leicht finden und dann noch erschließen kann, erklärt uns Werksleiter Andre Thierig, der als Chef der Gigafactory Berlin-Brandenburg die Geschichte des Werkes genau kennt. Schon der größte öffentliche Ladeparkplatz der Welt vor den Werkshallen wirkt wie eine stille Kampfansage an das fossile Zeitalter. Hunderte Fahrzeuge von Mitarbeitenden laden kostenlos gleichzeitig auf mehr als 500 Stellplätzen. Während Deutschland noch über Ladeinfrastruktur debattiert, ist sie hier längst Alltag geworden. Auf dem Werksgelände fahren teilweise vollgesprayte bunte Model Y mit Fantasie-Kennzeichen herum, das sind die, die noch vor der offiziellen Baugenehmigung gebaut wurde (und somit nicht im Straßenverkehr verwendet werden dürfen) und nun als interne Fahrzeuge für verschiedene Teams dienen. „Viel zu schade zum Verschrotten“, sagt Andre.
Inside Giga - das Innenleben des Organismus der
modernsten Autofabrik Europas
Schon die Treppenhäuser außen sind als monolithische Kunstwerke mit Grafitti-Kunst verziert. Innen geht es genauso weiter. Ob direkt auf der Wand gemalt, ausgedruckt oder in LED-Bildschirmen. Humaniode Roboter auf dem rötlichen Mars, vor einem blauen Gewitter oder Schriftzüge wie „We are Giga - the Future“. Drinnen riecht es nicht nach Öl, sondern nach Elektronik, Metall und Geschwindigkeit. Keine dunklen Werkshallen alter Industriearchitektur, kein Pathos der Schwerindustrie - eher das Gefühl, durch das Betriebssystem einer neuen Ökonomie zu laufen. Menschen aus über 130 Nationen arbeiten hier Seite an Seite. Englisch, Polnisch, Spanisch, Arabisch, Pakistanisch und Berliner Dialekt verweben sich zwischen Förderbändern und Robotikarmen zu einem Soundtrack der globalisierten Industrie. In der Gießerei hängen Piratenflaggen, manche Abteilungen tragen eigene Mottos, fast wie digitale Stämme innerhalb einer Fabrik, die sich ihre kulturellen Codes selbst erschafft. Uns kommt ein Mitarbeiter mit einer 1,5m-großen Beatbox entgegen. „Solange sie sich untereinander einigen, können sie hören, was sie wollen“, sagt Andre. Musik ist ausdrücklich erwünscht. Arbeiten soll hier Spaß machen.
Faktor Mensch – Mensch und Maschine in InteraktioUnd doch sind es nicht die Maschinen allein, die diesen Ort so bemerkenswert machen, sondern die Art, wie Mensch und Maschine hier miteinander kollaborieren. Ich sah einen Gießer, eingehüllt in Schutzkleidung, beinahe wie einen Astronauten, der mit langen Bewegungen die glühende Schlacke aus einem Ofen kehrte - ein Bild irgendwo zwischen Science-Fiction und archaischem Handwerk. An anderer Stelle saßen Mitarbeitende auf Autositzen die als Sitzbänke fungieren wie Coaches am Spielfeldrand einer technologischen Zeitenwende. Einige arbeiteten auf Laufbändern vor ihren Schreibtischen. Sogar ein werkseigener Friseur und ein Fitnessstudio gehören zum Kosmos dieser Fabrikstadt. Man spürt: Hier soll Arbeit nicht nur effizienter, sondern vollständig neu gedacht werden. Kleine, vollautomatische Żabka-Stores (größte Convenience-Supermarktkette meines Geburtslandes Polen) wie gläserne Container mit dutzenden Kameras an der Decke sind 24/7 geöffnet, damit sich der Tesla-Mitarbeiter während seiner Schicht menschenlos einen Snack oder ein Getränk holen kann. Vier Kantinen versorgen rund um die Uhr mit warmen Essen. Wem das nicht reicht, findet noch diverse Foodtrucks mit Fast Food vor der Tür.
Krankenstand - und die konsequente Führungskultur
Besonders aufschlussreich war ein Beispiel, das in seiner Nüchternheit fast mehr über den Zustand des deutschen Arbeitsmarktes erzählt als jede politische Debatte. Der Krankenstand im Werk lag zeitweise bei 17 Prozent - eine Zahl, die in klassischen Konzernen längst ganze Taskforces und Beraterarmeen ausgelöst hätte. Was im öffentlichen Dienst mit Achselzucken hingenommen wird, bedeutet bei rund 11.000 Mitarbeiter, dass rund 1.800 nicht arbeiten kommen. In Grünheide reagierte man anders: direkter, unbequemer, konsequenter. Führungskräfte und Verantwortliche machten es gezielt zum Thema und unternahmen Hausbesuche. Der Skandal in den Medien war groß, dabei waren es lediglich rund 20 Besuche bei besonders auffälligen Vorfällen - Menschen die monatelang in der Lohnfortzahlung mit wechselnden Krankschreibungen waren. Und das nicht primär als Kontrollritual, sondern als Versuch zu verstehen, warum Menschen verschwanden. Dabei stellte sich heraus, dass manche Beschäftigte nicht einmal über die bekannte Wohnadresse verfügten. Die Konsequenz daraus war eine Mischung aus Klarheit, Nähe und Verbindlichkeit. Wer Unterstützung brauchte, bekam sie. Wer das System ausnutzte, spürte zugleich, dass dieses Unternehmen eine hohe Leistungsbereitschaft erwartet. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit sank der Krankenstand von 17 auf unter 5 Prozent. Nicht durch Leitbilder an der Wand, sondern durch eine fast altmodisch wirkende Erkenntnis: Menschen lassen sich nicht allein über Prozesse führen, sondern über Aufmerksamkeit, Konsequenz und das Gefühl, dass jemand hinsieht.
Skill over Degree - Mindset entscheidend
Insgesamt 13,5 Prozent Frauen arbeiten in dem Werk - noch immer zu wenig, aber sichtbar mehr als in vielen klassischen Industriebereichen. Das Einstiegsgehalt liegt bei rund 44.000 Euro. Besonders irritierend für klassische deutsche Industrievorstellungen ist der Umgang mit Qualifikation. „Keine Ausbildung notwendig - das richtige Mindset ist entscheidend“, sagt Andre. In sechsmonatigen Assignments werden beispielsweise technikaffine Menschen zu Maschinenbedienern oder Spezialisten ausgebildet. Rund 300 Auszubildende sind permanent im Umlauf, etwa 100 neue pro Jahr. Es ist ein radikaler Gegenentwurf zur jahrzehntelang zementierten Vorstellung, dass nur perfekte Lebensläufe zu industrieller Exzellenz führen. Motivation und Skills sind entscheidend - keine Papiere und Noten. Dieser Satz blieb mir länger im Kopf als viele technische Daten.
Es gibt hier auch keine „Versehrtenabteilung“, sondern Integration. Besonders stolz ist man hier auf das gelebte Verständnis von Inklusion. Menschen mit Behinderung werden vollständig und gleichberechtigt in die bestehenden Teams und regulären Produktionsprozesse integriert.
Just in sequence – wenn das fertiggestellte Auto ohne Mensch zu seinem Parkplatz fährt
Die Fabrik selbst funktioniert dabei wie ein gigantischer Organismus aus Echtzeitlogistik. „Just in Sequence“ lautet das Prinzip: Teile treffen exakt in dem Moment ein, in dem sie benötigt werden. Lagerhaltung gilt hier beinahe als Ausdruck von Ineffizienz. Rund 90 Prozent der Lieferkette stammen aus Europa - ein industriepolitisches Detail mit geopolitischer Sprengkraft. Fast die gesamte Software wird im Haus selbst, in den USA entwickelt. Lediglich die Standardsoftware Microsoft dient noch der Kommunikation. Alles andere ist vertikal integriert, digitalisiert, beschleunigt. Dann rollt eines der Fahrzeuge lautlos an uns vorbei. Und zwar ohne Menschen im Innenraum. Eines der unzähligen Tesla Model Y - drei Jahre in Folge das meistverkaufte E-SUV der Welt. Während man landesweit noch häufig ideologisch über Elektromobilität spricht, geht es Grünheide hingegen fast ausschließlich über Physik und Ökonomie. Keine Ölwechsel. Keine klassischen Serviceintervalle. Kaum Bremsverschleiß durch Rekuperation. Niedrige Betriebskosten. „Total Cost of Ownership“ lautet die Formel, die hier beinahe mantraartig wiederholt wird. Und während die Spritpreise steigen, wächst die Nachfrage weiter.
Klassische Automobilkonzerne werden es schwer haben
Doch selbst das scheint für Tesla nur ein Zwischenschritt zu sein. Die eigentliche Vision beginnt dort, wo das Lenkrad langsam überflüssig wird. Aktuell befinde man sich bei autonomem Fahren auf Level 2, künftig wolle man Level 4 erreichen. Der Gedanke dahinter ist nicht bloß technologisch, sondern ökonomisch revolutionär: Tesla versteht sich nicht als klassischer Autobauer, sondern als Tech-Unternehmen. Mobilität als Plattform. Eine Fahrt zum Flughafen für wenige Euro: autonom, elektrisch, algorithmisch organisiert. Auch der Schwerlastverkehr taucht bereits am Horizont dieser Zukunft auf. Elektromobilität für LKW gilt hier ebenso als ein großes Geschäftsfeld. Nicht zuletzt deshalb, weil das Durchschnittsalter der LKW-Fahrer inzwischen bei über 50 Jahren liegt. Die Logistikbranche altert, während Tesla bereits versucht, ihre Nachfolge technologisch zu automatisieren.
Und während ich durch diese gigantische Fabrik lief, wurde mir etwas unangenehm klar: Warum viele klassische deutsche Automobilkonzerne es schwer haben werden. Und dabei geht es nicht um einzelne Modelle. Auch nicht um Marketing. Sondern vor allem um den hohen Grad der Automatisierung, Softwarekompetenz und Geschwindigkeit, mit der hier gearbeitet wird. „Uns geht nicht darum, Mitarbeitende durch Maschinen zu ersetzen. Sondern denen die hier sind, eine sichere Zukunft zu geben“, stellt Andre klar. Der Betriebsrat besitzt übrigens das einzige Einzelbüro des gesamten Werks - eine fast symbolische Pointe in einer Fabrik, die Hierarchien ebenso infrage stellt wie sämtliche Produktionsprozesse.
Vielleicht beschreibt ein Satz die Mentalität dieses Ortes am besten. Trotz der atemberaubenden Baugeschwindigkeit der Gigafactory und dem Stolz der Behörden habe man immer wieder gesagt: „Schneller bedeutet nicht schnell.“ Denn in Grünheide geht es längst nicht mehr nur darum, Autos zu bauen. Sondern darum, Zeit zu verdichten und die Zukunft zu bauen. Für und mit Menschen aus der ganzen Welt.
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