
Emotionen
Die meisten Patienten, die das erste Mal zu mir in die Praxis kommen, sind in einer emotional belastenden Situation: sie sind besorgt, ängstlich, häufig beschämt. Positive Emotionen erlebe ich erst nach der Behandlung: Dankbarkeit, Erleichterung, Optimismus. Glücklicherweise verändern sich die Emotionen im Laufe der Behandlung fast immer in die Richtung zum Positiven.
Auch wenn es pathetisch klingt: es ist sehr befriedigend, eine Arbeit zu machen, mit der man Menschen glücklich machen kann. Und da die Gesundheit eine existentielle Qualität hat, sind es häufig tief empfundene Emotionen, die meine Patienten mit mir teilen. Die wichtigste Eigenschaft, die ein guter Arzt braucht – neben der Fachexpertise selbstverständlich – ist Empathie. Ich versuche bei jedem Patienten, herauszuspüren, wo er oder sie sich emotional befindet. Ist der Patient ängstlich, muß ich ihn aufklären. Ist ein starkes Schamgefühl das, muß ich zunächst Sicherheit schaffen und so Vertrauen aufbauen. Angst ist Kontrollverlust, Aufklärung schafft neue Kontrolle und Selbstermächtigung. Wenn Vertrauen da ist, kann auch Humor helfen, aber sehr vorsichtig dosiert. Ich darf die Gefühle meines Patienten nie ins Lächerliche ziehen, ich muß jedes Gefühl ernst nehmen, egal welches. Aber in der richtigen Dosierung kann Humor ein Wellenbrecher sein.
Mit Dankbarkeit ist leichter umzugehen als mit Ärger und Unzufriedenheit. Meist merken Patienten schnell, wenn man sie ernst nimmt, und aus zurückhaltendem Mißtrauen wächst langsam Vertrauen. Es gibt aber auch Patienten, mit denen es nicht möglich ist, eine gemeinsame Gesprächsebene zu finden. Nach Operationen müssen die Patienten in der Regel mithelfen, damit alles gut heilt. Dazu gehört das richtige Stuhlgangsverhalten („nicht Pressen!“), aber auch eine gute Wundpflege. Sehr ärgerlich ist, wenn sich der Patient nicht an die Vorgaben hält, in der Folge Schmerzen und Probleme bei der Wundheilung auftreten und der Patient mir dann Vorwürfe macht, weil er unzufrieden ist. Ich habe schon Operationen abgelehnt und Patienten weggeschickt, wenn es mir vor der Operation nicht gelungen ist, eine gemeinsame Ebene zu finden.
Weil wichtig sind zwei Dinge: erstens die Zufriedenheit des Patienten nach Abschluß der Behandlung. Und zweitens die Zufriedenheit des Proktologen mit seinem Tagwerk. Dann wird am Ende alles gut.
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