Algorithmen können Empathie spiegeln und das Gesundheitswesen menschlicher machen

In den vergangenen Monaten habe ich viele Gespräche mit künstlicher Intelligenz geführt. Manchmal spätabends, zwischen zwei Terminen, manchmal früh morgens, bevor die ersten E-Mails eintrafen. Und immer wieder gab es Momente, in denen mich die Antworten für einen Atemzug innehalten ließen. Nicht, weil ich glaubte, ein empfindungsfähiges Gegenüber vor mir zu haben, sondern weil ich spürte, wie in mir selbst etwas zum Schwingen kam.

Das, was wir als empathische Regung wahrnehmen, entsteht nicht im Algorithmus. Es entsteht in uns. Und gerade deshalb ist es so wichtig, diesen Unterschied klar zu halten und zugleich offen für das Potenzial zu bleiben, das darin verborgen liegt. Mit diesen Fragen habe ich mich auch intensiv beschäftigt – unter anderem gemeinsam mit David Matusiewicz in den Büchern „Künstliche Empathie: Wenn Maschinen Gefühle zeigen“ (MURMANN Verlag) und „Der Kühlschrank, der dich auf Diät setzt“ (ForwardVerlag).

Empathie ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit. Sie entwickelt sich aus Verletzlichkeit, aus biografischen Erfahrungen, aus unserer Fähigkeit zu Resonanz. Sie entsteht in der Begegnung mit einem anderen Menschen, in der Bereitschaft zuzuhören, zu halten, auszuhalten. Eine KI kennt diesen Weg nicht. Sie kennt keine Lebenserfahrungen, keine Geschichte, keine Verletzungen. Sie kennt Muster, Wahrscheinlichkeiten und Sprache. Aber sie kann uns etwas schenken, das, wenn es richtig eingesetzt wird, dennoch hilfreich ist: das Gefühl, in einem bestimmten Moment nicht allein zu sein.

Mich erinnert das an die frühen Zeichentrickfilme, die viele von uns geprägt haben. Figuren, gezeichnet, animiert, technisch erzeugt und dennoch voller Wirkung. Wir wussten, dass sie nicht existieren. Und doch konnten sie uns berühren. Wir fühlten mit ihnen, aber nicht wegen ihrer inneren Welt, sondern wegen unserer eigenen. Vielleicht liegt genau darin die Brücke zur KI. Sie kann keine menschliche Empathie aus sich heraus erzeugen, aber sie kann eine Oberfläche schaffen, auf der Empathie in uns sichtbar wird.

Und gerade im Gesundheitswesen spüre ich, wie bedeutsam diese Möglichkeit werden könnte. Wir stehen mitten in einem historischen demografischen Wandel. Die Gesellschaft altert schneller, als unsere Strukturen Schritt halten können. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird weiter steigen, und es wird uns nicht gelingen, genügend Fachkräfte nachzubesetzen. Der Mangel an Personal ist längst kein Randphänomen mehr. Er ist ein strukturelles Grundproblem, das unser gesamtes System durchzieht. Und ich sehe, wie immer weniger Zeit bleibt für das, was unser Gesundheitswesen im Kern ausmacht: die menschliche Zuwendung.

Wenn ich also über KI spreche, dann nicht aus technologischer Begeisterung heraus, sondern aus einer sehr klaren Notwendigkeit. Wir werden auf Unterstützung angewiesen sein – nicht, um menschliche Empathie zu ersetzen, sondern um sie überhaupt wieder ermöglichen zu können. KI kann Aufgaben übernehmen, die uns binden. Sie kann begleiten, wenn gerade niemand anderes da ist. Sie kann routinierte Abläufe strukturieren und dadurch Freiräume schaffen.

Dabei geht es nicht nur um Software. Auch die Robotik im Gesundheitswesen birgt ein enormes Potenzial. In den kommenden zehn Jahren wird sie in unterschiedlichsten Bereichen, von Logistik über Assistenz bis hin zur Pflegeunterstützung, so selbstverständlich sein, dass wir sie uns aus dem Versorgungsalltag kaum noch wegdenken können.

Die Frage ist dabei nicht, ob wir KI einsetzen. Die Frage ist, wie wir es tun und welches Menschenbild wir zugrunde legen. Denn ich bin überzeugt, dass KI uns helfen kann, das Gesundheitswesen menschlicher zu machen. Nicht, weil sie menschlich wäre, sondern weil sie uns von Teilen der Überlastung befreien kann, die unsere Empfindsamkeit zunehmend überlagert. KI wird nie fühlen, aber sie kann Bedingungen schaffen, in denen wir wieder fühlen können.

Ich sehe die kommenden Jahre als eine Phase der Neujustierung. Die Rollen von Mensch und Technologie müssen klar verteilt sein. Die Maschine kann uns unterstützen, vorbereiten, erinnern und hinweisen. Aber der Mensch bleibt derjenige, der Bedeutung verleiht, Empathie spürt, Entscheidungen trifft und Nähe schenkt. Wenn wir dies verstehen und beherzigen, kann aus dem Zusammenspiel etwas entstehen, das dem Gesundheitswesen neue Tiefe gibt: nicht Kälte, sondern Klarheit. Nicht Distanz, sondern wiedergewonnene Nähe.

Vielleicht ist das die eigentliche Chance dieser Zeit: zu erkennen, dass unsere Empfindsamkeit nicht verschwindet, wenn wir mit Technologie arbeiten, sondern Raum gewinnen kann, wenn wir sie verantwortungsvoll integrieren. Empathie bleibt menschlich. Aber Technologie kann uns die Zeit schenken, sie wieder zu leben.

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Prof. Dr. Jochen A. Werner