
Wenn psychische Gesundheit zum Tabu wird, verlieren wir alle
Die psychische Gesundheit ist heute sichtbarer als je zuvor. Wir sprechen häufiger über Burnout, Depressionen oder Therapie. Das ist ein wichtiger Fortschritt. Und trotzdem gibt es Perspektiven, die in dieser Debatte noch immer zu wenig Raum bekommen.
Ich bin als Tochter kurdisch-türkischer Eltern in Deutschland aufgewachsen. In meiner Familie wurde viel über Verantwortung, Bildung und Zusammenhalt gesprochen. Aber kaum darüber, wie es einem wirklich geht. Nicht, weil niemand mitfühlend war.
Sondern weil viele Generationen vor uns gelernt haben zu funktionieren. Gefühle hatten oft keinen Platz – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil andere Herausforderungen im Vordergrund standen. Wer Migration, finanzielle Unsicherheit oder Diskriminierung erlebt hat, entwickelt Strategien, um weiterzumachen. Über psychische Belastungen zu sprechen, gehörte selten dazu.
Als ich die Diagnose Burnout und Panikattacken erhielt, beschäftigte mich zunächst nicht die Frage nach meiner Heilung. Stattdessen fragte ich mich, was meine Familie, mein Arbeitgeber und meine Community denken würden. Rückblickend zeigt mir genau dieser Gedanke, wie tief das Stigma rund um psychische Gesundheit verankert sein kann – manchmal sogar tiefer als die Bereitschaft, sich selbst Hilfe zuzugestehen. Heute weiß ich, dass meine Geschichte keine Ausnahme ist.
Viele Menschen aus postmigrantischen Communities erleben ähnliche Hürden. Scham, Angst vor Stigmatisierung und die Sorge, von Familie oder Umfeld verurteilt zu werden, halten viele davon ab, sich Unterstützung zu suchen. Hinzu kommen Sprachbarrieren, fehlende Informationen, lange Wartezeiten und der Mangel an Therapeut:innen mit interkultureller Kompetenz, die den Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung zusätzlich erschweren. Ich habe selbst erlebt, welchen Unterschied kulturelles Verständnis machen kann. Eine Therapeutin sagte einmal zu mir: „Sie sind nicht wie die anderen.“ Obwohl dieser Satz vermutlich nicht verletzend gemeint war, vermittelte er mir das Gefühl, mich erklären und rechtfertigen zu müssen. Eine andere Therapeutin sagte zu mir: „Sie müssen sich nicht entscheiden. Sie dürfen sich aus der kurdischen, der türkischen und der deutschen Kultur das Beste herausnehmen.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute.
Zum ersten Mal hatte ich nicht das Gefühl, zwischen verschiedenen Identitäten wählen zu müssen. Ich musste mich nicht entscheiden. Ich durfte all das sein. Genau deshalb brauchen wir mehr interkulturelle Kompetenz in der psychotherapeutischen Versorgung. Nicht, weil Therapeut:innen dieselbe Herkunft haben müssen wie ihre
Patient:innen. Sondern weil kulturelle Prägungen unsere Werte, unsere Familienbilder, unsere Scham und auch unseren Umgang mit psychischen Erkrankungen beeinflussen. Wer diese Zusammenhänge versteht, schafft Vertrauen – und Vertrauen ist häufig der erste Schritt, damit Menschen überhaupt Hilfe annehmen.
Psychische Gesundheit ist deshalb kein individuelles Randthema. Sie betrifft Familien, Bildung, Unternehmen und unsere gesamte Gesellschaft. Wenn wir über Chancengleichheit, Integration oder gesellschaftliche Teilhabe sprechen, dürfen wir die psychische Gesundheit nicht ausklammern. Denn der Zugang zu Unterstützung hängt nicht nur von Therapieplätzen ab. Es hängt auch davon ab, ob Menschen sich gesehen, verstanden und ernst genommen fühlen.
Deshalb spreche ich heute öffentlich über Burnout, Panikattacken und mentale Gesundheit. Nicht, weil meine Geschichte außergewöhnlich ist. Sondern weil sie stellvertretend für viele Menschen steht, die bis heute schweigen. Veränderung beginnt dort, wo Schweigen endet. Dort, wo Menschen sagen dürfen: „Mir geht es nicht gut.“ Und wo ihnen mit Verständnis statt mit Vorurteilen begegnet wird. Als Speakerin erlebe ich immer wieder, wie groß der Bedarf an genau diesen Gesprächen ist – in Unternehmen, auf Bühnen und in der Gesellschaft. Die psychische Gesundheit betrifft uns alle. Eine wirklich inklusive Debatte über mentale Gesundheit beginnt erst dann, wenn auch die Perspektiven gehört werden, die bislang viel zu oft übersehen wurden.
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