Wenn alle professionell wirken

Noch nie war es so einfach, professionell zu wirken. Ein Gedanke wird mit Hilfe künstlicher Intelligenz in wenigen Minuten zu einem überzeugenden Text, aus einigen Stichpunkten entsteht eine Präsentation, aus einer spontanen Idee ein präzise formulierter LinkedIn-Beitrag. Sprache wird klarer, Argumente strukturierter, Bilder besser, Auftritte souveräner. Das ist zunächst eine gute Nachricht. Technologie ermöglicht Menschen, ihre Gedanken besser auszudrücken, und senkt Barrieren, die mit der eigentlichen Qualität einer Idee wenig zu tun haben. Doch genau darin liegt ein Problem, über das wir bisher erstaunlich wenig sprechen.

Über Jahrzehnte haben wir bestimmte Signale genutzt, um Kompetenz zu erkennen. Wer komplexe Zusammenhänge verständlich erklären konnte, fiel auf. Wer hervorragend schrieb, überzeugend präsentierte oder die richtigen Fragen stellte, galt als besonders kompetent. Natürlich waren diese Signale nie perfekt. Aber sie halfen uns dabei, Expertise sichtbar zu machen. Künstliche Intelligenz verändert diese Logik. Sie macht nicht nur gute Menschen besser. Sie macht vor allem Unterschiede weniger sichtbar.

Das gilt besonders für die öffentliche Kommunikation. Im Gesundheitswesen entstehen jeden Tag unzählige Beiträge, Podcasts, Videos und Newsletter. Ärzte werden zu Content Creators, Wissenschaftler bauen persönliche Marken auf, Führungskräfte kommunizieren direkt mit großen digitalen Communities. Das ist grundsätzlich positiv. Wissen verlässt Fachzeitschriften und Kongresssäle und erreicht Menschen, die früher kaum Zugang dazu hatten.
Aber Sichtbarkeit und Expertise sind nicht dasselbe. Ein hervorragend formulierter Beitrag sagt immer weniger darüber aus, wie klar sein Autor tatsächlich denkt. Eine perfekte Präsentation beweist nicht zwangsläufig, dass jemand ein komplexes Problem verstanden hat. Und Reichweite ist kein Qualitätsmerkmal. Gleichzeitig kann ein exzellenter Arzt, Wissenschaftler oder Manager nahezu unsichtbar bleiben, weil er weder Zeit noch Interesse hat, kontinuierlich Inhalte zu produzieren.

Damit entsteht eine paradoxe Situation: Je professioneller Kommunikation durch Technologie wird, desto schwieriger kann es werden, die Qualität hinter dieser Kommunikation zu beurteilen. Für das Gesundheitswesen ist das keine Nebensache. Medizin lebt von Vertrauen. Patienten müssen beurteilen, wem sie glauben. Organisationen müssen erkennen, wem sie Verantwortung übertragen. Unternehmen suchen Menschen, die nicht nur überzeugend auftreten, sondern unter Unsicherheit gute Entscheidungen treffen können. Und eine Gesellschaft, in der medizinische Informationen jederzeit verfügbar sind, muss unterscheiden können zwischen jemandem, der Wissen überzeugend präsentiert, und jemandem, der tatsächlich weiß, wovon er spricht.
Vielleicht müssen wir deshalb neu lernen, woran wir Expertise erkennen. Nicht daran, wie perfekt jemand formuliert. Nicht daran, wie professionell eine Präsentation aussieht. Und auch nicht allein daran, wie viele Menschen einem Account folgen. Interessanter werden andere Signale: Welche Fragen stellt jemand, wenn die Antwort nicht offensichtlich ist? Kann er Unsicherheit aushalten? Ändert er seine Meinung, wenn neue Evidenz auftaucht? Kann er zwischen Wissen und Vermutung unterscheiden? Und übernimmt er Verantwortung für eine Entscheidung, wenn es keine perfekte Antwort gibt?

Künstliche Intelligenz wird professionelle Kommunikation weiter demokratisieren. Das sollten wir begrüßen. Doch je leichter es wird, professionell zu wirken, desto wichtiger wird unsere Fähigkeit zu erkennen, wer tatsächlich außergewöhnlich ist.

Vorheriger Artikel Nächster Artikel
>> Je leichter es wird, professionell zu wirken, desto wichtiger wird es, echte Expertise zu erkennen. <<
Prof. Dr. med. Mathias Goyen