
Was passiert eigentlich, wenn medizinisches Wissen plötzlich nach den Regeln von TikTok funktionieren muss – also, wenn der Algorithmus Karies bekommt?
Ich muss zugeben: Als ich das Thema dieser Ausgabe gelesen habe – „Medfluencer & Content Creator“ –, war mein erster Gedanke: Damit habe ich als Zahnarzt ungefähr so viel zu tun wie ein Backenzahn mit Ballett – ich bin genau der falsche Mensch, um Influencer zu werden. Schließlich bin ich nicht mit einem Ringlicht groß geworden. Mein bevorzugtes Licht ist die Behandlungslampe, mein Lieblings-Content ist ein gut dokumentierter Befund.
Aber vielleicht ist gerade das interessant.
Denn während ich in der Praxis manchmal zehn Minuten brauche, um einem Patienten zu erklären, warum sein Zahnfleisch blutet, schafft es ein Creator heute in 30 Sekunden, Hunderttausende Menschen zu erreichen. Medizinisches Wissen ist damit endgültig dort angekommen, wo früher Katzenvideos, Tanzchallenges und Menschen mit sehr viel Selbstbewusstsein beim Kochen waren: im Feed.
Und plötzlich ist auch der Zahn mittendrin.
Der sogenannte Medfluencer ist dabei nicht grundsätzlich eine schlechte Erfindung. Im Gegenteil. Medizin kann kompliziert sein, und gute Creator schaffen etwas, woran wir Ärzte im Praxisalltag häufig scheitern: Sie übersetzen komplizierte Zusammenhänge in verständliche Sprache. Social Media kann Gesundheitswissen niedrigschwellig zugänglich machen. Die Bundesärztekammer sieht darin ausdrücklich Chancen für Aufklärung und Information. Die Herausforderung: der Algorithmus. Mit seiner Schwäche, Dichtung und Wahrheit nicht immer genau auseinanderhalten zu können und dazu stets einen hohen Unterhaltungswert benötigt.
„So putzen Sie Ihre Zähne richtig“ ist nett. „Dieser Zahnarzt-Hack macht Ihre Zähne in 24 Stunden weiß!“ ist besser. Noch besser: „Sie machen DAS jeden Morgen und zerstören damit Ihren Zahnschmelz!“
Der Algorithmus liebt einfache Antworten. Die Medizin leider nicht. „Zähneputzen schützt vor Karies“ ist korrekt, aber kein viraler Kracher. „Dieser eine Fehler beim Zähneputzen zerstört Ihre Zähne!“ – 1,7 Millionen Aufrufe. Das Problem: Unser Mund hält sich nicht an Überschriften.
Dort leben hunderte verschiedene Mikroorganismen in einer Gemeinschaft, die komplexer ist als manche WG. Sie bilden Biofilme, kommunizieren miteinander und reagieren auf Ernährung, Speichel, Hygiene und Zeit. Karies entsteht nicht, weil man gestern einen Keks gegessen hat. Sie ist das Ergebnis eines biologischen Zusammenspiels. Kurz gesagt: Selbst im Mund gibt es keine einfachen Verhältnisse.
Das macht Zahnmedizin für Social Media gleichzeitig schwierig – und spannend. Denn plötzlich werden Dinge, die wir Zahnärzte seit Jahren erzählen, neu verpackt.
Nehmen wir das Ölziehen. Als Zahnarzt könnte man reflexartig sagen: „Brauchen Sie nicht.“ Aber so einfach ist es eben nicht. Untersuchungen zeigen durchaus Hinweise auf positive Effekte beim Zahnfleisch und auf bestimmte bakterielle Parameter. Die Datenlage ist allerdings noch nicht stark genug, um Ölziehen zur Standardtherapie zu erklären.
Und genau da beginnt das eigentliche Problem der sozialen Medien: Aus „kann möglicherweise einen positiven Effekt haben“ wird innerhalb von drei Posts „entgiftet den Körper“. Aus „kann unterstützend sein“ wird „ersetzt Zahnpasta“. Und aus einem interessanten Ansatz wird ein Heilsversprechen. Was mich an der Influencer-Welt aber viel mehr fasziniert, ist etwas anderes: Reichweite und Wahrheit sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Eine aktuelle Untersuchung von Instagram-Inhalten zur komplexen Zahnmedizin fand 86,8 % nicht-faktische oder irreführende Inhalte, während gerade einmal 9 % der Beiträge tatsächlich edukativ waren. Besonders pikant: Gute und schlechte Inhalte unterschieden sich bei der Aufmerksamkeit der Nutzer kaum. Mit anderen Worten: Der Algorithmus erkennt keinen Unterschied zwischen „wissenschaftlich korrekt“ und „klingt überzeugend“. Er misst „Herzchen“ oder „Daumen hoch“. Die Wissenschaft misst Evidenz. Das sind zwei völlig unterschiedliche Währungen. Und dann gibt es die wirklich kreativen Ideen.
In den sozialen Netzwerken finden sich tatsächlich Videos, in denen Menschen versuchen, ihre Zähne mit Haargummis selbst zu bewegen. Andere feilen ihre Zähne eigenhändig zurecht. Was früher vermutlich nur in einem besonders schlechten Horrorfilm vorgekommen wäre, nennt sich heute „Dental Hack“. Das eigentlich Spannende an Medfluencern ist deshalb nicht, dass sie Medizin erklären. Sondern wie sie Medizin beschreiben.
Wenn jemand behauptet, Fluorid sei grundsätzlich Gift, Ölziehen ersetze Zähneputzen oder eine bestimmte Methode garantiere perfekte Zähne, kann das Folgen haben. Gerade bei Gesundheit ist Reichweite eben nicht dasselbe wie Richtigkeit. Das gilt übrigens auch für uns Zahnärzte! Nur weil jemand einen weißen Kittel trägt und sich vor einer Kamera als Zahnarzt vorstellt, wird aus einer Behauptung noch keine wissenschaftliche Erkenntnis.
Vielleicht liegt genau hier die Zukunft guter medizinischer Inhalte: nicht darin, dass Ärzte plötzlich alle Influencer werden müssen. Sondern darin, dass Mediziner lernen, verständlicher zu kommunizieren – und Creator lernen, dass ein spektakulärer Titel nicht automatisch eine gute Information ergibt.
Man kann erklären, warum Zähne nicht einfach „weißer“ werden, indem man sie mit Säure behandelt. Man kann erzählen, warum Zahnfleischbluten kein persönliches Charaktermerkmal ist. Man kann zeigen, dass ein Zahn erstaunliche Kräfte aushält – aber keine Lust auf Nagelknabbern, Flaschenöffnen oder Instagram-Experimente hat.
Und man kann über etwas sprechen, das mir als Zahnarzt besonders wichtig erscheint: Gesundheit ist kein Trend.
Ein Trend verschwindet, wenn der Algorithmus weiterzieht. Vielleicht liegt genau hier die Aufgabe der Medizin im Zeitalter des Algorithmus:
- nicht lauter zu sein als alle anderen, sondern glaubwürdiger.
- nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sondern gelegentlich auf die Bremse zu treten.
- nicht immer die spektakulärste Antwort zu liefern, sondern die richtige.
Denn Follower kann man verlieren. Reichweite kann verschwinden. Trends kommen und gehen. Aber ehrliche und transparente Aufklärung, medizinische Evidenz und auch unpopuläre Tipps – ohne sozialmediale Pyrotechnik – schaffen nachhaltigen Einfluss und seriöse Inhalte. In diesem Sinne werden solche Medfluencer und Content Creator immer wichtiger und sie sollten sich ihrer medialen Verantwortung immer bewusst sein.
Keep smiling – gesund beginnt im Mund!
Quelle: Alfaraj et al., Misinformation or education? A comparative analysis of Instagram posts related to full mouth rehabilitation, Frontiers in Dental Medicine, 2025. DOI: 10.3389/fdmed.2025.1585575.
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