Was heißt hier ersetzt?

Gestern las ich einen LinkedIn-Beitrag amerikanischer Ärzte über die Frage, ob KI uns ersetzen wird. Das Bild war charmant. Eine KI kenne Medizin wie ein Tourist eine Stadt. Ein Arzt dagegen sei wie jemand, der dort seit Jahrzehnten lebt und jede Ecke kennt. Im ersten Moment klingt das plausibel. Beim zweiten Nachdenken war ich mir nicht mehr so sicher. Denn nur weil jemand seit 40 Jahren in Berlin lebt, kennt er die Stadt nicht automatisch besser als ein Tourist. Vielleicht war er noch nie auf dem Alex. Vielleicht läuft er seit Jahren dieselben Wege und schaut längst nicht mehr genau hin. Ein Tourist kann sich intensiv vorbereiten, neugierig sein und in wenigen Tagen Dinge entdecken, die der Einwohner seit Jahren übersieht. Auch Patienten können sich heute mit KI intensiv vorbereiten und dabei Aspekte entdecken, die wir im klinischen Alltag möglicherweise übersehen haben. Für mich steckt darin eine unbequeme Frage für unsere eigene Profession. Erfahrung ist wichtig. Aber Erfahrung allein schützt uns nicht vor Routine, blinden Flecken oder veraltetem Wissen. Vielleicht liegt das Problem schon im Wort Ersetzen.

Wenn wir fragen, ob KI Ärzte ersetzen wird, tun wir so, als sei Arztsein eine einzige Tätigkeit. Das ist es nicht. Ein hilfreiches Modell dafür kommt aus Kanada. Das CanMEDS-Modell wurde vom Royal College of Physicians and Surgeons of Canada für die ärztliche Aus- und Weiterbildung entwickelt. Es beschreibt sieben miteinander verbundene Rollen. Medical Expert, Communicator, Collaborator, Leader, Health Advocate, Scholar und Professional. In Deutschland wurde für den Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin noch eine achte Rolle ergänzt, der Visionär. Gemeint ist die Fähigkeit, Veränderungen früh wahrzunehmen und Medizin aktiv weiterzuentwickeln.

Gerade in der KI-Debatte ist diese Rolle erstaunlich aktuell.

Denn was wird eigentlich ersetzt? Bei einzelnen Aufgaben erleben wir es längst. KI recherchiert Informationen, strukturiert Befunde, formuliert Texte, schlägt Differenzialdiagnosen vor, fasst Studien zusammen und erklärt medizinische Inhalte. Vieles davon gehörte bisher selbstverständlich zu unserer täglichen Arbeit. Auch Kommunikation und Empathie sind kein sicherer Rückzugsort. Wir Ärzte beruhigen uns gerne mit dem Gedanken, KI könne vielleicht viel wissen, aber nicht wirklich empathisch sein. Für Patienten zählt jedoch auch, wie Kommunikation bei ihnen ankommt. Sprachmodelle können aufmerksam, verständlich und sehr zugewandt formulieren. Empathie allein macht Ärzte deshalb nicht unersetzbar.

Ein Arzt, der seinen Patienten seit zehn Jahren kennt, aber kaum noch richtig zuhört, versteht dessen Situation nicht automatisch besser als ein System, mit dem dieser Patient regelmäßig über Beschwerden, Ängste und Entscheidungen spricht. Genau hier wird die Touristen-Metapher unbequem. Ortskenntnis entsteht nicht nur durch Dauer. Sie entsteht durch Aufmerksamkeit. Zeitmangel erklärt viel, aber er ersetzt nicht die Frage, ob wir in der vorhandenen Zeit wirklich aufmerksam sind.

Und was heißt das für uns? Dass weder Erfahrung noch Empathie allein uns unersetzbar machen. Entscheidend wird sein, wie aufmerksam wir wahrnehmen, wie gut wir Informationen in den individuellen Kontext einordnen und wie verantwortlich wir daraus Entscheidungen ableiten. Trotzdem glaube ich nicht, dass der Arzt als Ganzes verschwindet. Ärztliche Arbeit besteht aus mehr als Wissen, Kommunikation oder Mustererkennung. Sie bedeutet, einen Menschen körperlich zu untersuchen, Widersprüche auszuhalten, Unsicherheit einzuordnen, Entscheidungen in einen konkreten Lebenskontext zu stellen und Verantwortung für die Folgen zu übernehmen. Entscheidend ist die Kombination dieser Fähigkeiten. Technologie ersetzt selten einen ganzen Beruf auf einmal. Sie verändert zuerst Aufgaben. Danach verschieben sich Rollen. Und irgendwann kann ein Beruf noch denselben Namen tragen und im Alltag trotzdem etwas anderes bedeuten. Für mich ist deshalb die spannendere Frage nicht, ob Ärzte ersetzt werden. Teile unserer Arbeit werden ersetzt werden. Die eigentliche Frage ist, welche ärztlichen Fähigkeiten jetzt wichtiger werden. Unsere Profession sollte weniger darüber diskutieren, ob sie unersetzbar ist. Wir sollten genauer herausarbeiten, worin unser unverwechselbarer Wert liegt und diese Kompetenzen bewusst stärken. Möglicherweise entscheidet am Ende weniger, wie lange wir schon in der Stadt leben, als wie aufmerksam wir sie noch wahrnehmen. Gerade dafür brauchen wir mehr Visionäre in der Medizin.

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Dr. Alexandra Widmer