
Reichweite ersetzt kein Fachwissen
Dass ich heute Social Media für Ärzte mache, war kein Plan, sondern eher ein Zufall, der bis heute geblieben ist. Seit über 5 Jahren sehe ich täglich, was auf den Kanälen von Menschen passiert, die eigentlich wissen, wovon sie sprechen und was auf den Kanälen von Menschen passiert, die es nicht wissen, aber (leider) viel lauter sind. Vor kurzem scrolle ich durch Instagram und sehe eine Creatorin mit 500.000 Followern. Sie erklärt, welche Supplements man nehmen soll und darunter 1000 Kommentare von Menschen, die das genau das glauben.
Ich kenne Ärzte, die genau davon abraten würden und das mit Studien, Nebenwirkungen und tatsächlichen Zusammenhängen belegen können, aber sie posten nichts oder haben eine viel kleinere Reichweite. Genau das beschäftigt mich in meiner Arbeit, denn ich finde medizinisches Wissen verdient bessere Reichweite. Für Patienten macht das online nämlich keinen Unterschied, denn ein Feed zeigt keine Approbation und genau da sehe ich die Gefahr. Ein Feed zeigt Ästhetik, Frequenz und vielleicht ein gutes Thumbnail. Entscheidungen über die eigene Gesundheit fallen aber zunehmend danach, wer am lautesten und am häufigsten postet, nicht danach, wer es fachlich beurteilen kann.
Ein Teil davon liegt am Algorithmus selbst, denn er belohnt Eindeutigkeit, Tempo und Emotion. Eine fundierte Antwort mit drei Einschränkungen und einem „kommt darauf an“ performt schlechter als ein klarer Satz mit hoher Behauptungskraft. Medizinische Wahrheit ist auch selten eindeutig, das kommt noch dazu! Gute Reichweite aber meistens schon. Zwischen diesen beiden Logiken entscheidet sich, wessen Stimme ankommt, nicht wessen Aussage evidenzbasiert ist. Und genau hier versuche ich anzusetzen und medizinisches Wissen, so zu verpacken, dass es gut ankommt und dem Algorithmus gefällt!
Durch meine Kennlerngespräche habe ich ein paar Ausreden gesammelt, warum Ärzte sich dazu entscheiden, nicht sichtbar zu werden:
1. Zeitmangel neben einer vollen Praxis oder Klinik.
2. Angst vor Haftung oder Kammerregeln.
3. Eine Kultur, in der Sichtbarkeit als eitel gilt, fachliche Zurückhaltung dagegen als seriös.
4. Wer 10 Jahre Ausbildung investiert hat, hält ContentProduktion oft für zweitrangig oder unter der eigenen Würde.
Ärzte haben aber einen unglaublichen Vorteil auf Social-Media = Vertrauensvorschuss (solange dieser nicht missbraucht wird)! Wenn eine Ärztin zum ersten Mal ein Thema postet, zu dem sie hundertfach im Sprechzimmer beraten hat, zeigen die Reaktionen darunter, wie groß der Bedarf vorher schon war, weil vorher niemand mit der passenden Qualifikation dazu erreichbar war und vor allem nicht, mit dieser langjährigen Praxiserfahrung am Patienten!
Ich halte das Schweigen der meisten genau deswegen für einen Fehler, denn nicht alles sind persönliche Fehler sind, sondern auch ein dahinterliegendes strukturelles Problem des Gesundheitswesens. Expertise wird nicht danach honoriert, ob sie ankommt, sondern nur danach, ob sie korrekt ist. Reichweite bleibt denjenigen überlassen, die sich am wenigsten um Korrektheit kümmern müssen, weil niemand sie dafür haftbar macht, was bei Ärzten wiederum anders ist!
Trotzdem halte ich fest, Sichtbarkeit allein löst das Problem nicht, denn auch Ärzte produzieren Content, der vereinfacht, Angst schürt oder vor allem sich selbst vermarktet statt aufzuklären. Ein Arztkittel im Video macht eine Aussage nicht automatisch richtiger und es geht nicht darum, dass Mediziner zu Influencern werden. Es geht darum, dass fundiertes Wissen dieselbe Verbreitung bekommt wie unfundiertes, damit Menschen überhaupt eine Wahl zwischen beidem haben.
Das lässt sich ändern, aber nicht über Nacht und nicht ohne Konsequenz. Es bedeutet, Sichtbarkeit als Teil der professionellen Verantwortung zu verstehen, nicht als Nebensache neben der eigentlichen Arbeit. Es bedeutet, redaktionelle Strukturen aufzubauen, die Ärzte entlasten, statt sie nebenbei zu Content-Produzenten zu machen. Genau das mache ich jeden Tag und es bedeutet, Reichweite nicht länger denjenigen zu überlassen, die am lautesten sind, sondern denen, die es am besten wissen!
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