Medfluencer

Bin ich Medfluencer? Also eine Art „Medizinischer Influencer“? Oder, weil ich ja informieren und nicht beeinflussen möchte, eher „Medinformer“? Allerdings mit Unterhaltungsanspruch, also vielleicht „Medutainer“?

Die Termini sind, wie meistens im Netz, nicht klar definiert und werden einfach so verwendet, wie es sich gut anfühlt. Der Begriff „Medfluencer“ wurde erfunden, um von Influencern abzugrenzen, denen unterstellt wird, eine Kunstfigur darzustellen, deren Ziel es ist, über den Aufbau von Sympathie und Vertrauen Einfluß auf ihre Follower zu gewinnen, um denen dann vermeintlich unverzichtbare Life extensions zu verkaufen.

Was Sympathie und Vertrauen angeht, bin ich allerdings mit allen Influencern absolut auf einer Linie, weil das versuche ich ja auch, nur daß ich nichts verkaufen möchte (was ich als Arzt ja auch gar nicht darf, Standesrecht und so), sondern Menschen verführen möchte, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sie sonst lieber vermeiden möchten, z.B. sich mit dem Gedanken an eine Darmspiegelung oder an eine Untersuchung ihrer Hämorrhoiden auseinanderzusetzen. Wie Urlaubs- oder Kosmetik-Influencer versuche ich also, eine angenehme Atmosphäre für meine Follower zu schaffen.

Während Influencer ihren Followern das Gefühl vermitteln, mit der richtigen Gesichtscreme oder der perfekten Handtasche ihr Leben glamouröser gestalten zu können, also ein Gefühl der Unvollkommenheit ansprechen, versuche ich, Themen, die eigentlich wichtig sind, im Alltag der Menschen aber gern verdrängt werden, ans Licht zu zerren. Mein Köder ist humorvolle, aber seriöse Unterhaltung, ich bin der Vince Ebert der Proktologie. Und erstaunlich häufig klappt das auch.

Die Menschen beschäftigen sich nicht ohne Anlaß mit ihrer Gesundheit. Jeder kann in zwei Minuten auf Google oder Chat-GPT herausfinden, was er oder sie für die Gesundheit tun kann. Also müssen wir mit den Informationen, die wir den Menschen nahebringen wollen, dorthin, wo die Menschen sind, wo sie sich unterhalten, vielleicht auch zerstreuen wollen. Ein provozierender hook auf Instagram ist das Trojanische Pferd, das Menschen für ein Spielzeug halten, das aber seine Wirkung entfaltet, wenn das Reel läuft.

Die Grenze zwischen Werbebotschaften für z.T. zweifelhaft sinnvolle Präparate gegen Verdauungsbeschwerden und wissenschaftlich gesicherten Informationen ist für die meisten Menschen schwer zu erkennen. Ich versuche über meine Kanäle aufzuklären. Aber nur kritisches Denken wird die Menschen davor schützen, Botschaften zu glauben, deren einziges Ziel es ist, mit ihren Sorgen Geld zu verdienen. Aber das gilt, seit es Werbung gibt. Auch schon vor der Erfindung des Internets.

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Prof. Dr. Ingo Alldinger